Blogs als Tagebuch

Journalisten, die keine Ahnung haben, bezeichen Blogs häufig als Internettagebücher. Das ist natürlich eine falsche Bezeichnung – dieses Blog ist vieles, aber definitiv kein Tagebuch. Das BILDblog hat mit einem Tagebuch nichts zu tun und auch die wirklich riesigen Blogs wie Engadget sind weit davon entfernt, ein simples Tagebuch zu sein. Wirklich stark sind Blogs immer dann, wenn sie sich auf ein bestimmtes Thema konzentrieren.

Allerdings kann man ein Blog natürlich auch als Tagebuch benutzen. Hier schlagen dann die Kritiker zu und schreien laut „Wer will den sowas Uninteressantes lesen?“ Ganz anders sieht es aus, wenn es sich bei den Tagebuchschreibern um berühmte Personen handelt. Wirkliche Berühmtheiten schreiben zwar nur selten private Blogs, aber dafür haben viele bekannte historische Personen Tagebuch geführt.

Die Seite Orwell Diaries veröffentlicht die Tagebucheinträge von George Orwell genau 50 Jahre nach ihrem Entstehen als Blogeintrag. Das Tagebuch kann bequem per RSS abonniert werden und fast jeden Tag erscheint ein neuer Eintrag im Feedreader. Das ist eine sehr interessante Variante, sich mit dem Autor zu beschäftigen – man könnte das Tagebuch zwar auch als gedrucktes Buch lesen, aber so wirkt es deutlich authentischer und man liest die Einträge deutlich gemächlicher – eben nur einen pro Tag, etwas, das man bei einem gedruckten Buch nie machen würde. Außerdem besteht die Möglichkeit, mit anderen Menschen weltweit per Kommentarfunktion über einen Beitrag zu diskutieren.

Vergleichbar ist die Seite WW1: Experiences of an English Soldier, die Feldpostbriefe des englischen Soldaten Harry Lamin genau 90 Jahre nach Entstehen veröffentlicht. Der besondere Clou lag daran, dass es sich um eine ganz normale Person handelte und die Leser absichtlich im Unklaren gehalten wurden, ob Harry den Krieg heil übersteht oder nicht. Die Leser der Seite fieberten „live“ mit Harry und freuten sich über jedes Lebenszeichen von ihm, ähnlich wie vor 90 Jahren seine Familie.

Diese zwei Beispiele zeigen, wie man mit einer guten Idee und vorhandener Technik völlig neue Zugangsmöglichkeiten zur Geschichte schaffen kann, die eine breite Leserschaft erreicht. Ein Buch mit den gesammelten Feldpostbriefen wäre sicherlich deutlich weniger ansprechend gewesen und hätte den Lesern auch einen ganz anderen Zugang geboten. Gerade das Warten und Hoffen zwischen den Briefen ist eine Erfahrung, die ein Buch nicht bieten kann. Mir fehlen momentan die wirklich zündenden Ideen, aber es gibt sicherlich einige spannende Möglichkeiten mit Wikis, Blogs, Chats oder Videospielen Leuten historische Themen näherzubringen.

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One Response to Blogs als Tagebuch

  1. […] Blog “Klio surft” wird im Beitrag “Blogs als Tagebuch” unter anderem auf die Site “Orwell […]

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